Friedrich Nietzsche (geboren am 15. Oktober 1844 in Röcken, Sachsen, Preußen [Deutschland] – gestorben am 25. August 1900 in Weimar, Thüringer Staaten) war ein deutscher Altphilologe, Philosoph, und Kulturkritiker, der zu einem der einflussreichsten Denker der Moderne wurde. Seine Versuche, die Motive zu entlarven, die der traditionellen westlichen Religion, Moral, und Philosophie zugrunde liegen, prägten Generationen von Theologen, Philosophen, Psychologen, Dichtern, Romanautoren, und Dramatikern tiefgreifend. Er dachte die Konsequenzen des Triumphs des Säkularismus der Aufklärung – ausgedrückt in seiner Feststellung „Gott ist tot“ – auf eine Weise durch, die nach seinem Tod die Agenda vieler der berühmtesten Intellektuellen Europas bestimmte. Obwohl er ein glühender Gegner von Nationalismus, Antisemitismus und Machtpolitik war, wurde sein Name später von Faschisten herangezogen, um genau jene Dinge voranzutreiben, die er verabscheute.

Nietzsches Elternhaus war eine Hochburg lutherischer Frömmigkeit. Sein Großvater väterlicherseits hatte Bücher zur Verteidigung des Protestantismus veröffentlicht und das kirchliche Amt eines Superintendenten bekleidet; sein Großvater mütterlicherseits war Landpfarrer; sein Vater, Carl Ludwig Nietzsche, wurde auf Befehl von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, nach dem Friedrich Nietzsche benannt wurde, zum Pfarrer in Röcken ernannt. Sein Vater starb 1849, noch bevor Nietzsche seinen fünften Geburtstag feierte, und so verbrachte er den größten Teil seiner Kindheit in einem Haushalt, der aus fünf Frauen bestand: seiner Mutter Franziska, seiner jüngeren Schwester Elisabeth, seiner Großmutter mütterlicherseits, und zwei Tanten.

Im Jahr 1850 zog die Familie nach Naumburg an der Saale, wo Nietzsche eine private Vorbereitungsschule, das Domgymnasium, besuchte. 1858 wurde er in Schulpforta, Deutschlands führendes protestantisches Internat, aufgenommen. Dort zeichnete er sich durch hervorragende schulische Leistungen aus und erhielt eine ausgezeichnete klassische Bildung. Nach seinem Abschluss im Jahr 1864 ging er an die Universität Bonn, um Theologie und klassische Philologie zu studieren. Trotz seiner Bemühungen, am gesellschaftlichen Leben der Universität teilzunehmen, waren die beiden Semester in Bonn ein Misserfolg, was vor allem auf erbitterte Streitigkeiten zwischen seinen beiden führenden Klassikprofessoren, Otto Jahn und Friedrich Wilhelm Ritschl, zurückzuführen war. Nietzsche suchte Zuflucht in der Musik und schrieb eine Reihe von Kompositionen, die stark von Robert Schumann, dem deutschen Komponisten der Romantik, beeinflusst waren. Im Jahr 1865 wechselte er an die Universität Leipzig, um sich Ritschl anzuschließen, der dort eine Stelle angenommen hatte.

Unter Ritschls Anleitung in Leipzig machte Nietzsche große Fortschritte. Er war der einzige Student überhaupt, der in Ritschls Zeitschrift „Rheinisches Museum“ veröffentlichte. Im Oktober 1867 trat er seinen Militärdienst in der Kavalleriekompanie eines Artillerieregiments an, erlitt im März 1868 beim Aufsteigen auf ein Pferd eine schwere Brustverletzung, und nahm im Oktober 1868, während eines längeren krankheitsbedingten Urlaubs vom Militärdienst, sein Studium in Leipzig wieder auf. Während seiner Zeit in Leipzig entdeckte Nietzsche die Philosophie Arthur Schopenhauers, lernte den großen Opernkomponisten Richard Wagner kennen, und schloss eine lebenslange Freundschaft mit dem Klassizisten Erwin Rohde (Autor von „Psyche“) an.

Als 1869 in Basel, Schweiz, eine Professur für klassische Philologie frei wurde, empfahl Ritschl Nietzsche mit beispiellosem Lob. Er hatte weder seine Doktorarbeit noch die für einen deutschen akademischen Grad erforderliche Zusatzdissertation fertiggestellt; dennoch versicherte Ritschl der Universität Basel, er habe in 40 Jahren Lehrtätigkeit noch nie jemanden wie Nietzsche gesehen und seine Begabungen seien grenzenlos. Im Jahr 1869 verlieh die Universität Leipzig ihm aufgrund seiner veröffentlichten Schriften den Doktortitel ohne Prüfung oder Dissertation, und die Universität Basel ernannte ihn zum außerordentlichen Professor für klassische Philologie. Im folgenden Jahr wurde Nietzsche zum ordentlichen Professor befördert.

Nietzsche erhielt im August 1870, nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, die Erlaubnis, als freiwilliger Sanitäter zu dienen. Innerhalb eines Monats, während er einen Transport von Verwundeten begleitete, erkrankte er an Ruhr und Diphtherie, was seine Gesundheit dauerhaft ruinierte. Im Oktober kehrte er nach Basel zurück, um wieder ein hohes Lehrpensum zu übernehmen, doch bereits 1871 veranlasste ihn seine schlechte Gesundheit, Erleichterung von den lähmenden Pflichten eines Professors für klassische Philologie zu suchen; er bewarb sich um den vakanten Lehrstuhl für Philosophie und schlug Rohde als seinen Nachfolger vor, doch alles ohne Erfolg.

In diesen frühen Basler Jahren reifte Nietzsches ambivalente Freundschaft zu Wagner, und er nutzte jede Gelegenheit, Richard und seine Frau Cosima zu besuchen. Wagner schätzte Nietzsche als brillanten akademischen Apostel, doch Wagners zunehmende Ausbeutung christlicher Motive, wie in „Parsifal“ (1882), gepaart mit seinem Chauvinismus und Antisemitismus, erwies sich als mehr, als Nietzsche ertragen konnte. Bis 1878 war der Bruch zwischen den beiden Männern endgültig geworden.

Nietzsches erstes Buch, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ (1872), markierte seine Loslösung von den Fesseln der klassischen Philologie. Als eher spekulatives denn exegetisches Werk vertrat es die These, dass die griechische Tragödie aus der Verschmelzung dessen entstand, was er als apollinische und dionysische Elemente bezeichnete – wobei erstere Maß, Zurückhaltung und Harmonie verkörperten und letztere ungezügelte Leidenschaft –, und dass der sokratische Rationalismus und Optimismus den Untergang der griechischen Tragödie bedeuteten. Die letzten zehn Abschnitte des Buches sind eine Rhapsodie über die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist von Wagners Musik. Zunächst mit eisigem Schweigen aufgenommen, wurde es zum Gegenstand heftiger Kontroversen seitens derjenigen, die es für ein konventionelles Werk der klassischen Philologie hielten. Es war zweifellos „ein Werk von tiefgründiger, fantasievoller Einsicht, das die Wissenschaft einer ganzen Generation weit hinter sich ließ“, wie der britische Altphilologe F. M. Cornford 1912 schrieb. Es gilt bis heute als Klassiker in der Geschichte der Ästhetik.

Nachdem Nietzsche eine Krankschreibung beantragt und erhalten hatte, zog er 1877 bei seiner Schwester und seinem Freund Peter Gast (Johann Heinrich Köselitz) ein, und 1878 erschien sein aphoristisches Werk „Menschliches, Allzumenschliches“. Da sich sein Gesundheitszustand stetig verschlechterte, legte er am 14. Juni 1879 seinen Lehrstuhl nieder und erhielt für sechs Jahre eine Rente von 3.000 Schweizer Franken pro Jahr.

Abgesehen von den Büchern, die Nietzsche zwischen 1879 und 1889 verfasste, ist es zweifelhaft, ob sein Leben an sich von Interesse war. Schwer krank, halbblind, und unter nahezu unaufhörlichen Schmerzen lebte er in Pensionen in der Schweiz, an der französischen Riviera, und in Italien, mit nur begrenztem Kontakt zu anderen Menschen.

Nietzsches anerkanntes literarisches und philosophisches Meisterwerk in Form einer biblischen Erzählung, „Also sprach Zarathustra“, erschien zwischen 1883 und 1885 in vier Teilen, von denen der letzte auf eigene Kosten privat gedruckt wurde. Wie die meisten seiner Werke fand auch dieses wenig Beachtung. Seine Versuche, seine Philosophie in direkterer Prosa darzulegen – in den 1886 erschienenen Veröffentlichungen „Jenseits von Gut und Böse“ und 1887 in „Zur Genealogie der Moral“ – scheiterten ebenfalls daran, ein angemessenes Publikum zu erreichen.

Nietzsches letztes Jahr klarer Geisteskraft, 1888, war eine Zeit höchster Produktivität. Er verfasste und veröffentlichte „Der Fall Wagner“ sowie eine Zusammenfassung seiner Philosophie in „Die Götzen-Dämmerung“, „Der Antichrist“, „Nietzsche contra Wagner“, und „Ecce Homo“, eine Reflexion über seine eigenen Werke und deren Bedeutung. „Die Götzen-Dämmerung“ erschien 1889; „Der Antichrist“ und „Nietzsche contra Wagner“ wurden erst 1895 veröffentlicht, wobei ersteres fälschlicherweise als erster Band von „Der Wille zur Macht“ erschien; und „Ecce Homo“ wurde erst 1908, 20 Jahre nach seiner Entstehung, veröffentlicht.

Im Januar 1889 brach Nietzsche auf den Straßen von Turin, Italien, zusammen, nachdem er die Kontrolle über seine geistigen Fähigkeiten vollständig verloren hatte. Bizarre, aber aussagekräftige Notizen, die er unmittelbar nach seinem Zusammenbruch verschickte, veranlassten seinen Freund Franz Overbeck, einen christlichen Theologen, nach Italien zu reisen, um Nietzsche nach Basel zurückzubringen. Nietzsche verbrachte die letzten elf Jahre seines Lebens in völliger geistiger Finsternis, zunächst in einer Basler Anstalt, dann in Naumburg unter der Obhut seiner Mutter, und nach deren Tod im Jahr 1897 in Weimar unter der Obhut seiner Schwester. Er starb im Jahr 1900. Sein Zusammenbruch wurde lange Zeit einer atypischen allgemeinen Lähmung zugeschrieben, die durch eine schlafende Tertiärsyphilis verursacht worden sein soll. Spätere Diagnosen umfassten eine Degeneration der Hirngefäße und ein retroorbitales Meningeom, einen Tumor der Hirnhäute hinter dem (rechten) Auge.

Die Verbindung von Nietzsches Namen mit Adolf Hitler und dem Faschismus ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, wie seine Schwester Elisabeth seine Werke nutzte. Sie hatte einen führenden Chauvinisten und Antisemiten, Bernhard Förster, geheiratet, und arbeitete nach dessen Selbstmord im Jahr 1889 eifrig daran, Nietzsche nach Försters Bild umzugestalten. Elisabeth übte eine rücksichtslose Kontrolle über Nietzsches literarischen Nachlass aus und stellte, von Gier getrieben, Sammlungen seiner „Werke“ zusammen, die aus verworfenen Notizen bestanden, wie beispielsweise Der Wille zur Macht (1901). Außerdem beging sie kleinere Fälschungen. Generationen von Kommentatoren wurden in die Irre geführt. Ebenso wichtig ist, dass ihre Begeisterung für Hitler Nietzsches Namen in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem des Diktators verband.

Nietzsches Schriften lassen sich in drei klar abgegrenzte Schaffensphasen einteilen. Die frühen Werke, „Die Geburt der Tragödie“ und die vier „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ (1873), sind geprägt von einer romantischen Perspektive, die von Schopenhauer und Wagner beeinflusst ist. Die mittlere Schaffensphase, von „Menschliches, Allzumenschliches“ bis hin zu „Die fröhliche Wissenschaft“, spiegelt die Tradition der französischen Aphoristiker wider. Sie preist Vernunft und Wissenschaft, experimentiert mit literarischen Gattungen, und drückt Nietzsches Loslösung von seiner früheren Romantik sowie von Schopenhauer und Wagner aus. Nietzsches reife Philosophie entwickelte sich nach „Die fröhliche Wissenschaft“.

In seinen reifen Schriften beschäftigte sich Nietzsche vor allem mit dem Ursprung und der Funktion von Werten im menschlichen Leben. Wenn, wie er glaubte, das Leben weder einen inneren Wert besitzt noch dessen entbehrt, und dennoch stets bewertet wird, dann lassen sich solche Bewertungen sinnvollerweise als Symptome des Zustands des Bewertenden lesen. Er interessierte sich daher besonders für eine tiefgreifende Analyse und Bewertung der grundlegenden kulturellen Werte der westlichen Philosophie, Religion, und Moral, die er als Ausdrucksformen des asketischen Ideals charakterisierte.

Das asketische Ideal entsteht, wenn das Leiden mit einer höchsten Bedeutung erfüllt wird. Nietzsche zufolge machte beispielsweise die jüdisch-christliche Tradition das Leiden erträglich, indem sie es als Gottes Absicht und als Gelegenheit zur Sühne interpretierte. Das Christentum verdankte seinen Triumph dementsprechend der schmeichelhaften Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit, das heißt der Einbildung, dass Leben und Tod jedes Einzelnen kosmische Bedeutung hätten. In ähnlicher Weise brachte die traditionelle Philosophie das asketische Ideal zum Ausdruck, indem sie die Seele dem Körper, den Verstand den Sinnen, die Pflicht dem Verlangen, die Wirklichkeit dem Schein, und das Zeitlose dem Zeitlichen vorzog. Während das Christentum dem reuigen Sünder Erlösung versprach, bot die Philosophie ihren Weisen Hoffnung auf Erlösung, wenn auch in weltlicher Form. Gemeinsam war der traditionellen Religion und der Philosophie die unausgesprochene, aber starke motivierende Annahme, dass die Existenz einer Erklärung, Rechtfertigung oder Sühne bedarf. Beide verachteten die Erfahrung zugunsten einer anderen, „wahren“ Welt. Beide lassen sich als Symptome eines verfallenden Lebens oder eines Lebens in Not deuten.

Nietzsches Kritik an der traditionellen Moral konzentrierte sich auf die Typologie der „Herren“- und „Sklaven“-Moral. Anhand einer Untersuchung der Etymologie der deutschen Wörter „gut“, „schlecht“, und „böse“ vertrat Nietzsche die Ansicht, dass die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ursprünglich beschreibender Natur war, d. h. einen nichtmoralischen Bezug zu den Privilegierten, den Herren, im Gegensatz zu den Niedrigen, den Sklaven, darstellte. Der Gegensatz zwischen Gut und Böse entstand, als sich die Sklaven rächten, indem sie die Eigenschaften der Herrschaft in Laster umwandelten. Waren die Begünstigten, die „Guten“, mächtig, so hieß es, die Sanftmütigen würden die Erde erben. Stolz wurde zur Sünde. Nächstenliebe, Demut, und Gehorsam traten an die Stelle von Wettbewerb, Stolz, und Autonomie. Entscheidend für den Triumph der Sklavenmoral war ihr Anspruch, die einzig wahre Moral zu sein. Dieses Beharren auf Absolutheit ist für die philosophische ebenso wie für die religiöse Ethik von wesentlicher Bedeutung. Obwohl Nietzsche eine historische Genealogie der Herren- und Sklavenmoral vorlegte, vertrat er die Ansicht, dass es sich dabei um eine ahistorische Typologie von Eigenschaften handele, die in jedem Menschen vorhanden seien.

„Nihilismus“ war der Begriff, den Nietzsche verwendete, um die Entwertung der höchsten Werte zu beschreiben, die das asketische Ideal postulierte. Er betrachtete die Zeit, in der er lebte, als eine Zeit des passiven Nihilismus, das heißt als eine Zeit, die sich noch nicht bewusst war, dass sich religiöse und philosophische Absolutheiten mit dem Aufkommen des Positivismus im 19. Jahrhundert aufgelöst hatten. Mit dem Zusammenbruch der metaphysischen und theologischen Grundlagen, und Rechtfertigungen für die traditionelle Moral, würde nur noch ein allgegenwärtiges Gefühl der Sinnlosigkeit und Bedeutungslosigkeit zurückbleiben. Und der Triumph der Bedeutungslosigkeit ist der Triumph des Nihilismus: „Gott ist tot.“ Nietzsche ging jedoch davon aus, dass die meisten Menschen den Niedergang des asketischen Ideals und die inhärente Sinnlosigkeit der Existenz nicht akzeptieren könnten, sondern nach Ersatz-Absoluten suchen würden, um dem Leben einen Sinn zu verleihen. Er sah im aufkommenden Nationalismus seiner Zeit einen solchen bedrohlichen Ersatzgott, bei dem dem Nationalstaat transzendenter Wert und Sinn zugeschrieben würden. Und so wie sich die Absolutheit der Lehre in Philosophie und Religion Ausdruck verschafft hatte, würde sich die Absolutheit nun mit missionarischem Eifer an den Nationalstaat knüpfen. Die Auslöschung der Rivalen und die Eroberung der Erde sollten unter den Fahnen der universellen Brüderlichkeit, der Demokratie, und des Sozialismus vonstattengehen. Nietzsches Weitsicht war hier besonders eindringlich, und die spätere Instrumentalisierung seiner Gedanken besonders abstoßend. So gehörten beispielsweise zwei Bücher zur Standardausrüstung in den Rucksäcken deutscher Soldaten während des Ersten Weltkriegs: „Also sprach Zarathustra“ und das „Johannesevangelium“. Es ist schwer zu sagen, welcher Autor durch diese Geste stärker kompromittiert wurde.

Nietzsche betrachtete seine Schriften oft als Auseinandersetzung mit dem Nihilismus, und abgesehen von seiner Kritik an Religion, Philosophie, und Moral entwickelte er originelle Thesen, die große Beachtung fanden, insbesondere den Perspektivismus, den Willen zur Macht, die ewige Wiederkehr, und den Übermenschen.

Der Perspektivismus ist ein Konzept, das besagt, dass Wissen stets perspektivisch ist, dass es keine makellosen Wahrnehmungen gibt, und dass Wissen ohne jeglichen Standpunkt ein ebenso inkohärenter Begriff ist wie das Sehen ohne einen bestimmten Blickwinkel. Der Perspektivismus verneint zudem die Möglichkeit einer allumfassenden Perspektive, die alle anderen enthalten, und somit die Wirklichkeit so zugänglich machen könnte, wie sie an sich ist. Das Konzept einer solchen allumfassenden Perspektive ist ebenso inkohärent wie das Konzept, ein Objekt gleichzeitig aus jedem möglichen Blickwinkel zu betrachten.

Nietzsches Perspektivismus wurde manchmal fälschlicherweise mit Relativismus und Skeptizismus gleichgesetzt. Dennoch wirft er die Frage auf, wie man Nietzsches eigene Thesen verstehen soll, zum Beispiel, dass die vorherrschenden Werte des gemeinsamen Erbes durch ein asketisches Ideal untermauert worden sind. Ist diese These absolut wahr oder nur aus einer bestimmten Perspektive? Es stellt sich auch die Frage, ob der Perspektivismus konsequent und ohne Selbstwiderspruch vertreten werden kann, da er vermutlich in einem absoluten, d. h. nicht-perspektivischen Sinne wahr sein muss. Derartige Überlegungen haben zu zahlreichen fruchtbaren Nietzsche-Kommentaren sowie zu nützlichen Arbeiten in der Erkenntnistheorie geführt.

Nietzsche setzte das Leben selbst oft mit dem „Willen zur Macht“ gleich, also mit einem Instinkt nach Wachstum und Beständigkeit. Dieser Begriff bietet eine weitere Möglichkeit, das asketische Ideal zu interpretieren, da Nietzsche die Ansicht vertritt, „dass allen höchsten Werten der Menschheit dieser Wille fehlt – dass Werte, die symptomatisch für den Niedergang sind, nihilistische Werte, unter den heiligsten Namen herrschen“. Somit waren traditionelle Philosophie, Religion, und Moral nichts anderes als Masken, die ein mangelhafter Wille zur Macht trug. Die tragenden Werte der westlichen Zivilisation waren sublimierte Produkte der Dekadenz, da das asketische Ideal das Dasein als Schmerz und Leid verherrlicht. Einige Kommentatoren haben versucht, Nietzsches Konzept des Willens zur Macht vom menschlichen Leben auf den organischen und anorganischen Bereich auszuweiten, und ihm eine Metaphysik des Willens zur Macht zuzuschreiben. Solche Interpretationen lassen sich jedoch anhand seiner veröffentlichten Werke nicht stützen.

Die Lehre von der ewigen Wiederkehr, das Grundkonzept von „So sprach Zarathustra“, stellt die Frage: „Wie wohlgesinnt müsste ein Mensch sich selbst und dem Leben gegenüber sein, um sich nichts sehnlicher zu wünschen als die unendliche Wiederholung jedes einzelnen Augenblicks, ohne jede Veränderung?“ Vermutlich würden oder sollten die meisten Menschen einen solchen Gedanken erschütternd finden, da es ihnen stets möglich sein sollte, die ewige Wiederholung ihres Lebens in einer überarbeiteten Fassung vorzuziehen, anstatt sich nach nichts sehnlicher zu sehnen als nach der ewigen Wiederkehr jedes einzelnen seiner Schrecken. Der Mensch, der die Wiederkehr ohne Selbsttäuschung oder Ausflüchte akzeptieren könnte, wäre ein Übermensch, dessen Abstand zum gewöhnlichen Menschen größer ist als der Abstand zwischen Mensch und Affe, sagt Nietzsche. Kommentatoren sind sich nach wie vor uneinig, ob es bestimmte Charaktereigenschaften gibt, die den Menschen definieren, der die ewige Wiederkehr annimmt.

Nietzsche schrieb einmal, dass manche Menschen erst nach ihrem Tod geboren werden, und das trifft in seinem Fall zweifellos zu. Die Geschichte der Philosophie, Theologie, und Psychologie seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist ohne ihn nicht zu verstehen. Die deutschen Philosophen Max Scheler, Karl Jaspers, und Martin Heidegger standen beispielsweise in seiner Schuld, ebenso wie die französischen Philosophen Albert Camus, Jacques Derrida, und Michel Foucault. Der Existentialismus und die Dekonstruktion, eine Strömung in der Philosophie und Literaturkritik, verdanken ihm viel. Die Theologen Paul Tillich und Lev Shestov bekannten sich zu ihrem Einfluss, ebenso wie der „Gott ist tot“-Theologe Thomas J. J. Altizer; Martin Buber, der größte jüdische Denker des 20. Jahrhunderts, zählte Nietzsche zu den drei wichtigsten Einflüssen in seinem Leben, und übersetzte den ersten Teil von „Zarathustra“ ins Polnische. Die Psychologen Alfred Adler und Carl Jung waren tief von ihm geprägt, ebenso wie Sigmund Freud, der über Nietzsche sagte, er habe ein tieferes Verständnis von sich selbst gehabt als jeder andere Mensch, der je gelebt habe oder jemals leben werde. Romanautoren wie Thomas Mann, Hermann Hesse, André Malraux, André Gide, und John Gardner ließen sich von ihm inspirieren und schrieben über ihn, ebenso wie die Dichter und Dramatiker George Bernard Shaw, Rainer Maria Rilke, Stefan George, und William Butler Yeats, um nur einige zu nennen. Nietzsches großer Einfluss ist nicht nur auf seine Originalität zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass er einer der brillantesten Prosaautoren der deutschen Sprache war.

Quellen (zuletzt abgerufen am 18. Oktober 2026):

Übersetzt aus dem Englischen aus der Ecyclopedia Britannica: https://www.britannica.com/biography/Saint-Thomas-Aquinas

Bildquellen:

Portrait von Friedrich Nietzsche: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Nietzsche187a.jpg

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